Eine Brücke auf vier Rädern

SOZIALES / Peter Körffer kannte Autisten nur aus „Rain Man”. Dann beginnt er, mit autistischen Kindern Skateboard zu fahren. Mit verblüffendem Resultat.

*David Libossek*

Augsburg/Inningen. Ein Longboard musste es sein, so eines, wie es Peter Körffer auch hat. Tim hält sein Geburtstagsgeschenk fest mit beiden Händen umklammert, als er es Körffer hinhält. Der hagere Mann in hellblauem Shirt, Cargohose und Chucks begutachtet es genau. „Cool, sogar mit den besten Achsen”, urteilt er dann Tim, der etwas verlegen auf Körffers Fazit gewartet hat, lacht jetzt zufrieden. Tim, ein schlaksiger Bub mit Brille, ist Autist. Seine Krankheit lässt eine normale soziale Interaktion kaum zu. Körffer hat einen Zugang zu ihm und anderen Kindern gefunden. Er hat eine Brücke geschlagen, eine auf vier Rädern.
Das, was da heute in der Sonne auf dem Inninger Skateplatz passiert, begann an einem kalten Wintertag im Februar 2013. Selbst Skateboarden war nicht drin, also vertrieb sich Körffer seine Zeit mit Skatervideos. Während seiner Studien über das neueste Equipment und spektakuläre Tricks, klickte er ein Video, das sein Leben verändern sollte. Da fuhren amerikanische Skateboarder mit autistischen Kindern durch die Gegend. „Ich wollte mich schon lange sozial engagieren, aber bei der Feuerwehr schleppen die Sandsäcke eher mich.” Nein, wenn, dann muss es etwas mit Kindern sein. „Das ist, was ich kann”, sagt der Vater einer achtjährigen Tochter.
Die strahlenden Kindermienen unterlegt mit der richtigen Musik – die Eindrücke des Videos brennen sich dem 42-jährigen Grafiker ins Gedächtnis. Die Idee, so nennt er es, gärt: „Es wäre geil, sowas hier zu machen.“ Weil Körffer Autismus bisher nur aus dem Vilm Rain Man kennt, beginnt er zu recherchieren.“
Er setzt sich mit der Augsburger Autismus-Sebsthilfegruppe SAA in Verbindung, deren Leiterin zwar an einen telefonischer glaubt, seiner Idee aber eine Chance geben will. Das Telefonat mit einer spezialisierten Kinderpsychologin läuft wenig vielversprechend. Klappen könnte es schon, das mit dem Skateboard als Medium. Wenn Körffer Glück hat, fährt vielleicht sogar ein Kind eine ganze Runde, das wäre ein Erfolg.
Körffer will das Risiko eingehen. Er muss es versuchen. Was ihm fehlt sind eine Location und Helfer. Jedes Kind soll seinen eigenen Betreuer haben. Er sucht die BlueBox auf, eine Skathalle in Augsburg-Oberhausen. Dort trifft er die Skateboarder vom verein Razed. „Wer ich bin, war den Jungs erst mal egal, die sagten sofort ‚Cool, das machen wir‘, erinnert sich Körffer. Autistaskates kommt ins Rollen.
18 Kinder kommen zur ersten Einheit im Juni. Körffer weiß damals nicht, was auf ihn zukommt. Aus der prognostizierten einen Runde werden vier Stunden. Einen „Nachmittag der Extreme“ beschreibt er später. Einerseits, weil seine Idee voll aufgeht. Der Großteil der sonst meist in sich gekehrten Kinder öffnet sich, ihre Beifahrer sind Spaß und Lachen. Andererseits „war es auch ein wenig chaotisch“, erzählt Körffer. So rollt schon mal ein herrenloses Brett zwischen den anderen, wild durcheinander fahrenden Skaten hindurch. Körffer wurde klar: das Ganze braucht mehr Struktur. Auch, um einen anderen Begleiter loszuwerden: die Skepsis der Eltern. Die waren zwar irgendwie doch zahlreich gekommen, hatten sogar geschwisterlinder dabei – aber große Hoffnung begleitete sie trotzdem nicht gerade. So wie Werner Wildner. Sein Sohn Tim, 80 Prozent behindert, ist heute nicht da. Autisten sind Gewohnheitsmenschen. Weil heute ein anderer Kumpel von Körffer, Thomas Lutzenberger, Skateboard-Abteilungsleiter des FSV Inningen, seinen Platz zur Verfügung stellt, wird um zehnn Uhr gefahren statt um zwölf. „Da kommt seine Musiksendung”, sagt Wildner. Außerdem ist Tims angestammter Betreuer nicht dabei. Aufs Skateboard steigen unter diesen Umständen – ein Ding der Unmöglichkeit.
„Wir können schlecht etwas Spontanes machen”, erzählt Wildner aus dem Alltag. So ist er heute mit Tims zehnjährigem Bruder Felix da, der nicht an der Krankheit leidet „Ich verstehe sein Verhalten manchmal nicht”, sagt Felix. Sein Bruder wolle immer seinen Willen durchsetzen. „Wenn ich nicht mit ihm Kuscheln will, wird er sauer.” Aber, sagt Wildner, Tim brauche auch bei allem Unterstützung, bis hin zum Toilettegehen. Allein deshalb ist Wildner für die Abwechslung auf dem Skateboard sehr dankbar. Das ist eine ganz tolle Sache!’
„Das Problem ist”, erklärt Körffer, „weil wir nur alle sechs Wochen fahren, verpasst Tim jetzt zwei Monate lang, zu skaten’ l Der Grafiker würde Autistaskates gerne zweiwöchig organisieren – doch fehlen einfach die Mittel. Ein Longboardshop hat ein paar Bretter gestiftet, die Titus-Dittmann-Stiftung gibt ein bisschen was dazu. Aber ein echter Sponsor? Fehlanzeige. Zwar verzichten bis auf die Studenten alle seine Helfer auf den Unkostenbeitrag für die meist zweistündige Fahrerei, aber ist ja auch nur alle sechs Wochen. Die Versicherung läuft über den Razed-Verein, doch auch die Ausrüstung ist eben nicht umsonst. Ein Gedanke Körffers ist nun, die Eltern einen kleinen Beitrag zahlen zu lassen. „Damit waren sie sofort einverstanden”, sagt er.
Tim, der Bursche mit dem neuen Longboard, würde gern öfter skaten. Bei der heutigen Session vergeht kein gerollter Meter ohne sein Lachen. Tim probiert mit Körffer das neue Brett aus. Geduldig zeigt der 42-jährige seinem Schützling Tricks, erklärt ihm wie er bremst. Um die beiden herum sausen acht weitere Kinder – einige mehr haben ob der neuen Zeit erst einmal abgesagt. Zwei sitzen auf dem Brett, lassen sich von den Betreuern in die Kurve legen, andere lassen sich gemütlich von Rampe zu Rampe treiben, andere wiederum brauchen erst einmal geistigen Anschub.
„Die Bandbreite an Charaktereigenschaften ist riesig”, sagt Körffer. Er erinnert sich etwa an ein Kind, das ihm statt zu skaten ein Loch in den Bauch fragte. „Name, Alter, Größe. Er wollte alles wissen!’ Der Bub taucht zwei Monate später wieder auf: „Du bist doch Peter Körffer, 42 Jahre alt, 1,70 Meter groß und wiegst 60 Kilo!’ Gewöhnen müssen sich Körffer und seine Jungs – allesamt lockere Skater – auch daran, dass Witz und Ironie für Autisten unverständlich sind. „Eine klare Sprache ist wichtig. Mit ,Wie geht’s dir?’können die Kinder nichts anfangen!’
Etwas weiteres lernt Körffer: „Kein direkter Augenkontakt, bei Körperkontakt muss der bewusst und deutlich sein. So etwas wie Antippen mögen die Kinder gar nicht!’ Der 42-Jährige hat dazu festgestellt, dass „sich viele der Kinder Strategien entwickelt haben, durchs Leben zu kommen, ohne aufzufallen”. Viele adaptieren Verhaltensmuster, täten einfach so, als wären sie völlig normal. Das äußert sich dann etwa in extremer Höflichkeit.
Und sie wollen weiter alles wissen. „Kann man beim Skateboarden querschnittsgelähmt werden”, fragt einer, schon als Körffer die Helme austeilt. „Das kann dir überall passieren”, antwortet Körffer. Er wirkt ständig ruhig und gelassen. Auch als Tim plötzlich auf der Rampe flachliegt. „Stürze sind einkalkuliert”; sagt er. Sie seien nun einmal Teil der Erfahrung. „Die Kinder sollen sich auspowern”, erklärte er, „sie sollen ihren Körper spüren. Durch Anstrengung, Schweiß und eben auch mal Hinfallen.“ Dafür tragen die Kinder schließlich Helm, Knie-, Hand- und Ellbogenschoner.
In diesem Fall war’s auch halb so wild. Tim lacht, Körffer lacht. Der Bursche steigt wieder auf sein Geburtstagsgeschenk und rollt davon.